Gruppendynamik (update)

Vor über 25 Jahren begann eine Geschichte. Die Geschichte meines Lebens. Aber auch die Geschichte einer Gruppe. Eine Gruppe, die so einmalig ist, wie meine Geschichte.

Mehrmals wöchentlich  trafen sich meine Eltern mit anderen Pärchen. Aus der gleichen Stadt, aber aus unterschiedlichsten Vierteln, verschiedenste Berufe, Religionen und politische Ansichten. Interessen der anderen? Keine Ahnung. Beruf? Unwichtig. Swingerclub? Nicht ganz.

Alle Frauen waren Schwanger.

Ein klassischer Geburtsvorbereitungskurs wie ihn jährlich hunderte werdende Eltern besuchen. Atmen lernen, Angst, Ahnungslosigkeit und Verzweiflung ablegen. Aber eins war bei unserem Kurs schnell anders. Treffen fanden auch nach den gemeinsamen Atemübungen statt. Freundschaften entstanden, Leid wurde geteilt und ab dem 27. Januar 1987 das neue Glück.

Tim, Moritz, Katharina, Kya, Philipp, Janina und Niklas – die erste Generation war geboren und verursachte mit sieben Kleinkindern an der Zahl mächtigen Lärm. Vielleicht trafen sich unsere Eltern nach unserer Geburt auch einfach aus praktischen Gründen. Das wegsperren sieben schreiender Kinder, um  bei Doppelkopf und kühlem Bier die Strapazen der Schwangerschaft zu diskutieren, macht mehr Laune als zu zweit.

Wir lernten krabbeln, laufen und sprechen. Eroberten Kinderspielplätze und belegten mit Kinderwagen, Krabbledecken und den mitgebrachten Eltern beachtlichen Platz auf Aachens Grünflächen. Nach Neumarkt, Herstelerstrasse und Ferberpark, und der familienfreundlichen Mehrfamilienhaus Wohnanlage mit Innenhofgrün gesellten sich die ersten Umzüge.

Beruflich ging es nach München, die drei Zimmer Wohnung wurde gegen ein finanziertes Einfamilienhaus ausgetauscht und ein Aachener Vorort hatte sicherlich neben preislichen Vorzüge auch Landschaftlich einiges zu bieten. Ansonsten fallen mir auch heute keine Gründe ein nach Stolberg zu ziehen.

Wir fingen an uns zu entfernen. Wöchentliche Spielplatztreffen zwischen Aachen und München gestalteten sich schwierig. Aber auch die hier gebliebenen rückten räumlich auseinander. Ein neues Konzept für gemeinsame Treffen wurde unausweichlich.

Obermaubach, der wohl verschlafenste Ort in der nahen Eifel, wurde nun einmal jährlich Ziel sieben junger Familien. Über 25 kleine und große Köpfe fielen am Wochenende nach Karneval ins Naturfreundehaus ein. Enten füttern am Stauweiher, Schlittenfahren und ausgedehnte Spaziergänge zum Leidwesen der Kinder. Abende mit Raclette, Aufführungen, Spielen, Geschichten und Apfelschorle. Später erste Erlebnisse mit Bier, Schnaps und brennenden Kräutern.

Nachtwanderungen, endlich alleine losziehen, im Tante-Emma-Lädchen mit 13 Jahren eine Flasche Jägermeister erstehen und in der gemeinsam erklummene Bauruine nach den ersten Schlücken angewidert auf Seite legen.
Eine ganz normale Jugend. Eine Jugend unter Freunden. Aber eins war anders. Wir waren keine eingeschworene Clique die sich täglich in der Schule sah.
Wir sahen uns nur noch zwei, drei mal im Jahr.

Jeder ist spätestens nach der Pupertät seinen eigenen Weg gegangen, telefoniert haben wir kaum. Geschrieben? Eine Mail im Jahr war schon viel – mit Facebook mehr Kontakt? Nein – man kriegt nur ein bisschen mehr mit wer grad wieder wo auf der Welt unterwegs ist.

Ab jetzt ging es an die niederländische Küste. Über Pfingsten vielen wir Jahre lang ins beschauliche Westkapelle ein, bis die Gruppendynamik nicht mehr willkommen war. Es ging weiter nach Koudekerke über Vrouwenpolder und bald wohl wieder zurück nach Koudekerke. Knapp 30 Köpfe an einen Ort zu kriegen ist immer noch eine logistische Herausforderung. Einmal angekommen werden sämtliche Stühle, Tische, Geschirr und Kaltgetränke zu einem Bungalow getragen. Die wenigen Tage zusammen wollen schließlich möglichst effektiv genutzt werden.

Strandtage, Bowle, Heineken, Fritten und Doppelkopf. Austausch über Beziehungen, Studium, Beruf, Politik. Während  Radtouren verfahren, Sonnenbrand einstecken und kleine Streiterein überwinden. Alles, wie bei guten Freunden. Egal ob China, Australien, England oder Sauerland. Ob ein Treffen im Jahr oder auch mal ein Wiedersehen erst nach mehreren Jahren. Sobald wir wieder beisamen sind, dauert es keine halbe Stunde, ja nicht einmal fünf Minuten um wieder so vertraut zu sein, als hätte man sich gestern das letzte mal tschüss gesagt. Jeder nimmt jeden, so wie er ist. Niemand verstellt sich. Niemand muss eine Rolle spielen.

Eine große Familie mit Höhen und Tiefen. Ein gutes Gefühl. Gute Freunde. Eine schöne Sache.

 

Update: Mit bestem Dank an den Aachener Zeitungsverlag darf ich den am Samstag in der AZ / AN Gesamtausgabe erschienenen Artikel über uns Profas auch hier veröffentlichen.

25 Jahre Profa, vom Babyfon zum iPod (pdf, 1,1MB – Quelle: Aachener Nachrichten / Aachener Zeitung)

Ein Kommentar

  1. 1 Michael

    Schön :-)